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HarzUebung2013-Reisebericht

Wenn’s mal Autsch macht

Live dabei bei einer Rettung im Harz


Wo Sport getrieben wird, passieren auch mal Sportunfälle. Beim Klettern zum Glück recht wenig. Ein paar davon hab ich in den letzten Jahren miterlebt. Bei anderen und bei mir selbst. Über kleine Ratscher reden wir hier nicht. Die bleiben nicht aus. Hier geht es um die ernsthafteren Verletzungen, also über Bruch oder Schlimmeres. Und es geht um den Harz vor unserer Haustür.

Im Mittelgebirge sind die Felsen klein, also kann man bei Unfällen immer ablassen. So hab ich das jedenfalls im DAV-Trainerkurs gelernt. Das funktioniert auch wenn es mal den Arm oder die Hand erwischt. Machen wir uns nichts vor, bei einer Bein- oder Rückenverletzung geht das nicht. Das macht Euch der Verletzte dann schon klar. Vor allem dann nicht, wenn man in der Wand in einem Zwischenstand hängt. Hab ich live und real miterlebt, kann ich bestätigen. Und was dann? Dann wählt man die 112.

Was dann passiert, durfte ich kürzlich als freiwilliger Unfalldarsteller rausfinden. Denn die diversen Rettungskräfte lösen so ein Problem auch nicht jeden Tag. Die müssen das üben. Und das haben wir. Dafür hat mich die Rettungswacht Goslar halloweenreif geschminkt, mir meine angenommene Bein- und Rückenverletzung erklärt und mich im Okertal in ca. 28m Höhe auf den Schlafenden Löwen postiert. Und Eiko hat den Übungsnotruf abgegeben.

Nach dem Notruf dauert das erst mal ein Weilchen. Wenn die Rettungsleitstelle den Unfallort leicht raus finden kann, hört man schon nach zehn bis fünfzehn Minuten ein Tatütata und ein erstes Auto fährt mit Blaulicht vor.

Nein, es kommt kein Heli. Wir sind hier nicht in Tirol und im Westharz sind die Hubschrauber weder mit Winde noch mit Langleine ausgestattet. Der nächste Hubschrauber, der das kann, kann nicht genug Sprit tanken, dass seine Flugzeit für Anflug, Luftrettung und Rückflug reicht. Also Rettung von unten.

Und im Laufe der nächsten Stunde kommt noch ein Tatütata und noch eins und noch eins und irgendwann hab ich dann 12 Stück gezählt. Da passen rund 80 Mann rein. Die stehen erst mal unten und schauen hoch. Ziemlich zügig steigt ein Feuerwehrmann neben meinem Felsen hoch und versucht auf ein paar Meter Distanz Verständigung und Sichtkontakt aufzubauen. Er fragt, was passiert ist und was wehtut. Das ist gut. Da fühl man sich schon mal nicht mehr so allein. Nur noch ziemlich aua und ganz schön unbequem.

Und dann dauert das erst mal ganz, ganz lange. Die Feuerwehr kümmert sich ja meist um Fehlalarme, brennende Mülleimer, zerbeulte Autos und internistische Notfälle. Und so ein Fels ist für die Jungs und Mädels ja doch etwas sehr ungewohntes. Die Drehleiter ist zu kurz und kommt an die meisten Felsen auch nicht ran. Da werden Spezialkräfte gebraucht: Die SRHT, also die Sondereinheit zur Rettung aus Höhen und Tiefen, und die Bergwacht. Die müssen erst mal aus einem großen Umkreis zusammengezogen werden. Und am Fels bewegen sich die Höhenretter doch meist langsamer als ein routinierter Kletterer.

Die SHRT-Leute gehen dann hoch auf den Felsen und schaffen einen sicheren Ankerpunkt, indem sie eine riesenhafte Bandschlinge um den Felskopf legen. Von dort seilt sich ein Bergwachtmann ab und ist als erster tatsächlich bei mir, spricht mit mir, ist nett und beruhigt, er überprüft und verbessert meine Sicherung und er leistet erste Hilfe, so gut er das mit seiner geringen Ausrüstung kann.

Eine weitere lange halbe Stunde später wird dann ein Rettungsassistent zu mir abgelassen. Der piekst einen (simulierten) Zugang in meine Handvene und verabreicht Schmerz- und Gutfühlmittel. Und dann dauert das weiter und weiter und mir wird immer noch kälter und kälter und die gespielte Situation scheinbar immer realer. Die schon zu Beginn angeforderte Decke kommt und kommt nicht hoch. Dafür kommt irgendwann am Seil ein Höhenretter mit einer Schleifkorbtrage. Stellt Euch das vor wie einen Akia fürs Skifahren ohne die langen Griffe dran.

Mit einer zweiten Bandschlinge werde ich in das Seil der Schleifkorbtrage eingeklickt. Bergwachtmann und der Rettungsassistent greifen entschlossen gekonnt zu und ziehen mich mit zwei Rucken auf die orange Schale. Dort werde ich eingewickelt, verschnürt und fühle mich wie eine altägyptische Mumie. Etwas später seilt der Bergwachtmann uns mit einem schabenden Geräusch von Plastik auf Fels langsam abwärts bis zum Boden. Dort werde ich von sechs Feuerwehrleuten sanft in Empfang genommen und ebenso sanft auf dem Boden abgelegt. Und damit endet die Übung.

Seit dem Notruf sind bisher locker zweieinhalb Stunden vergangen. Das dauert es einfach. Ich werde wieder losgeschnürt und ein Feuerwehrmann hilft mir auf. Meine Gelenke sind steif, ich schlottere ganz real vor Unterkühlung und kann die ersten Schritte kaum selbst laufen. Zum Glück haben sie den Rettungswagen vorgeheizt. So fühlt man sich also als Unfallopfer.

Und was folgt daraus:
• Seid nett zu Feuerwehrleuten und Rettungskräften! Man weiß nie, wozu man sie braucht.
• Beendet den Klettertag etwa drei Stunden bevor es dunkel wird. Wenn Euch in der Dämmerung etwas passiert, dann zieht sich eine mögliche Rettung bis tief in die Nacht, weil bei Dunkelheit alles dreimal so lang dauert.
• Und schaut, dass ihr immer auch eine Rettungsdecke in Eurer Rucksackapotheke habt, selbst, wenn das gar nicht so kalt zu sein scheint.

Danke an alle Einsatzkräfte und auch an Eiko und Axel. Und Euch allen wünsche ich noch viele glückliche und vor allem unverletzte Klettertage!

Jörg Kunze.


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