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BerchtesgadenerLand-Reisebericht

Ein Reisebericht oder wie man statt dessen in die Alpen fährt


„Sonntag fahren wir!“ Irgendwann muß man eine Entscheidung treffen. Und irgendwann muß man auch wieder urlaubsfähig sein. Doch wohin? Joachim will einfache, gut gesicherte Klettertouren und wandern. Jörg sagt: Berchtesgadener Land. Das ist schön, das ist nicht so weit, das ist gerade noch Deutschland und da muß man die deutschen Euros nicht gegen österreichische umtauschen.

Noch am Abend vor der geplanten Abfahrt – für drei Uhr morgens!!! – glühen die Telefondrähte heiß, wo das Wetter am besten sein könnte und wer eigentlich alles mitfährt. Wär gut, wenn Bergziegen-Gabi mit im Team wäre, damit ich die beiden zusammen losschicken und meinen schwer erschütterten Schädel in Ruhe auskurieren kann. Die aber hat von dem Kuddelmuddel irgendwann genug und läßt Joachim und mich alleine ziehen. Schlau von ihr. Renate, Joachims Eheweib in spe, fällt schließlich die Entscheidung. Und eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt erfahre ich, wo es hin geht: Ins schöne Berchtesgadener Land. Da schau her.

„Sie nähern sich dem Ziel“, knistert es ein wenig polypropylen aus dem Navi. Joachim biegt gerade um die Kurve der kleinen Landstraße. Er war so heldenhaft, die ganze Tour hinter dem Steuer meines kleinen roten Autochens abzusitzen. „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ - „Wie jetzt?“ fragt Joachim und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Mitten im Wald ist ein kleiner Holzabladeplatz. Da bleibt das Auto unten und wir marschieren hoch, während vor der Bergkulisse der abendliche Regenvorhang fällt.

Am nächsten Morgen ist es kalt und grau. Ich schicke Joachim alleine Gipfel besichtigen und kuriere meinen Lagesinn. Nachmittags gibt es ein paar Übungen in Sicherungstechnik und den phänomenalen Blaueishütten-Kuchen. Und am nächsten Tag eine richtige Eingehtour.

Es geht über schräge 45°-Platten aufwärts. Eigentlich kann man auf denen gut laufen. Man muß nur dran glauben. Oben geht es über das Schrägband in der Nordostwand dem Gipfel der Schärtenspitze entgegen. Im Wechselvorstieg. Kaum habe ich oben am Ende der 10 Seillängen Stand gemacht, kommen auch schon die frechen Bergdohlen und wollen mir den Müsliriegel aus der Hand klauen. So dreist sind sie dann aber doch nicht. Wir teilen gerecht nach Gewichtsverhältnis.

Mittwoch sind die Himmlischen uns wohlgesonnen und die Wettervorhersage ist himmlisch. Um halb acht haben wir bereits den Zustieg hinter uns und stehen am Wandfuß des Rotpalfen. Wir entscheiden uns für Wechselvorstieg. Joachim fängt an und macht am Ende ein ziemlich bedenkliches Gesicht. Kein Problem, ich kann ja auch vorsteigen, wenns interessant wird. Wunderschön geht es die Wand nach oben und weil sie leicht gekrümmt ist, sieht man jeweils nur die letzten paar Meter und dann erst wieder weit untern die Schotterflächen. In der Mitte wartet ein großer Eisbär, das Wandbuch und ein zweites Frühstück im Sonnenlicht.

Die Tour ist ein Traum. Um drei stehen wir unter dem Gipfel des Rotpalfen. Schauen das Panorama an, schauen uns an und sind uns schnell einig. Gehen den langen, zackigen Gratweg über den Kleinkalter bis zum Hochkalter. Gehen ist gut gesagt. An vielen Stellen muß man hoch und wieder runter klettern. Nicht schwierig, aber ungesichert. Und am Ende auch ein paar mal von einem Block zum nächsten hüpfen. Während es auf der einen Seite runter geht ins Ofental und auf der anderen fast senkrecht auf den Blaueisgletscher.

Als wir oben ankommen, weiß ich wieder, warum ich die ganze Zeit einen Helm trage. Bonk macht es, als ich beim letzten Schritt mit dem Kopf gegen das Gipfelkreuz knalle. Hätt ich ja mit rechnen können!

Späte Nachmittagssonne auf dem Hochkalter. Wunderbar. Meine rote Nase schwärmt noch Tage später davon. Bestimmt auch die Dohlen, die sich über noch mehr Müsliriegel freuen. Rundum erstklassige Fernsicht. Auf den Watzmann, ins Wimbachgrieß, auf den Venediger, auf den Wilden Kaiser. Und ganz viele andere alpine Größen.

Abends erreichen mich widersprüchliche Nachrichten, daß meinem Vater am Matterhorn der Seilpartner „abgestürzt“ sei. Ist er aber gar nicht. Aber das hab ich erst viel später erfahren. War nur eine kleine, sehr spontane Rutschpartie über ein Firnfeld. Nichts schlimmes passiert. Dennoch hört man so was nicht gern.

Aus purer Lust und Freude legen wir uns noch mit der "glorreichen Sieben" an. Tolle Riß- und Plattenkletterei. Schräge Welt mit wirklich nichts, einfach gar nichts zum festhalten auf den Platten. Ungewohnt und einfach schön. Und pünktlich zum Gewitter sind wir aus der Route raus und in der Hütte zurück.

In der rundum lobenswert sympathischen Blaueishütte finden ein paar Kurse statt. In einem Kurs bezwingen sie keine Gipfel, sondern Enzian. 9 SL (Schnapsgläserlängen). Die bekommen aber zumindest einer der massenärmeren Damen schlecht. Und am nächsten Morgen wünscht sie sich sicher, daß die Welt nicht gehört hätte, was sie Nachts im Delirium aus tiefster Seele den Matratzenlagergenossen ins Gehör geschrien hat. Ob sie sich daran wohl erinnern kann?

Leider schlägt zur Strafe das Wetter um. Draußen fällt Regen und drinnen uns die Decke auf den Kopf. Postkartenschreibend warten wir auf das Ende des endlosen Getröpfels. Oder wenigstens auf die Wettervorhersage. Die kommt auch prompt zuerst und macht uns einen Strich durch die Kletterpläne für den letzten Tag. Denn also Wandern.

Sachen geschnappt, runter, rüber, wieder hoch und abends sitzen wir im Watzmannhaus. Das ist eine wohlorganisierte Kompressionsvorrichtung für Bergsteiger. Mit der erholsamen Ruhe und dem Tiefschlaf sieht es bei der sardinischen Packungsdichte im Lager schlecht aus. Dauernd ist man damit beschäftigt, Knie- und Ellenbogenschubser auszuteilen, wenn man mal wieder von den Schnarchern in die Zange genommen wird.

Aber der nächste Morgen ist gut. Als Karawanisten Nummer paarzehn und paarelf reihen wir uns in den Strom der Aufsteiger ein und stapfen den himmlischen Nebeln entgegen, über taubedeckten, glücklicherweise undestillierten Enzian. Stehen irgendwann am taufeuchten Kreuz des Nordgipfels. Die meisten kehren hier um. Wir ziehen unsere Helme auf. Die, die weiter wollen, zwängen sich in ein Geschirr mit zwei Karabinern. Damit können sie sich dann an die hübschen Blitzableiter anschließen, die über den Gipfelgrat gespannt sind.

Wir haben so was nicht mal dabei. Aber eine schöne Wanderung ist es trotzdem über den Gipfelgrat. Der ist häufig nicht viel schmaler, als ein Schwebebalken. Leider sieht man wegen des dicken Nebels gar nicht, wie es links und rechts weit über tausend Meter runter geht in den Königssee und das Wimbachgrieß. Schade. Bei zwanzig Meter Sichtweite kommt gar kein Höhenschauder auf. Eingehüllt vom Nebel schlafwandeln wir dem Mittel- und Südgipfel entgegen. Dort kommt kaum noch einer an, weil die meisten vorher rumdrehen. Und wir genießen den himmlischen Frieden.

Der Abstieg ist unglaublich lang. Erst nach langen Klettereien und Schuttfeldern kommt man an eine Stelle, wo das Wasser aus dem Geröll quillt. Und kleine Gumpen bildet. Ich kenn das Wort gar nicht und lasse es mir von Joachim erklären: Das sind kleine natürliche Badewannen, die unglaublich laut werden, wenn man sich reinsetzt. Und wenn man wieder raussteigt, ist man sauber, ganz bestimmt hellwach und findet den Bergwind angenehm warm.

Nach glitschigen Partien über grasbewachsene Zahnpastahänge mit großen Kalk-Schleifkörpern gelangen wir am frühen Nachmittag ins Wimbachgrieß. Paradies auf Erden. Stille, das man sie greifen kann. Latschen, Lärchen, Fichten, Bergahorn. Und Zirben. Ein Friede, den die Seele in großen Zügen schlürft. Kann ich gar nicht mehr zu sagen. Muß man erleben.

Ein Stück weiter gibt es im Paradies dann eine nette Hütte. Das Wimbachgrießhaus. Dort stehen Paradiesbedienstete am Tresen und zapfen, kochen und servieren. Leider führt ein flacher Weg bis dorthin, so daß der himmlische Frieden ab jetzt vorbei ist und einem einfachen „wunderschön hier“ Platz machen muß.

Rauschend quillt weiter untern der Wimbach aus dem Kies hervor und noch weiter unten in Ramsau das Bier aus dem Zapfhahn. Hier genießen wir das Eintauchen in die Segnungen der Zivilisation. Ich sag nur Dusche.

Und hier endet diese kleine Erzählung. Ein müder Jörg packt jetzt seine Sachen aus und träumt noch ein bißchen von Gipfeln, Zirben und dem himmlischen Frieden dazwischen.

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