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Drasnien2008-Reisebericht

Wo ist eigentlich Drasnien? Im Atlas findet man das nicht. Und bei GoogleEarth auch nicht. Drasnien liegt nämlich in der Phantasie. Jedenfalls meistens. Bis auf ein Wochenende alle zwei Jahre, dann wird das ganz real.

Dann ziehen sich nämlich die Drasnier, Möchtegerndrasnier und Drasnienbereisenden schicke, ausgeflippte Sachen an, die überall hin passen, außer in die Gegenwart des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Dann fahren sie alle zu einem gemeinsamen Treffpunkt und verstecken ihre Autos heimlich hinter der Hecke. Weil Drasnien ist nämlich autofrei. Sagt König Karl. Deshalb gibt das dort nur berittene Boten, Fußgänger und Telephathie.

Das nennt man dann Larp. Live-Action Roleplay oder auf deutsch Rollenspiel. Sieht aus, wie in einem Fantasy-Film. Nur besser. Jedenfalls in vielen Fällen. Und von manchem genialen Kostüm könnten sich die vergleichsweise lieblos befellten Wookies aus Star Wars mal was abschauen. Den Unterschied zum Fantasy-Film macht das Drehbuch. Im Film kennen das alle, in Drasnien nur wenige. Die, die es kennen, heißen Organisatoren oder NSCs – nicht spielende Charatere – die die es nicht kennen, heißen Spieler. Und noch einen Unterschied gibt das. Im Film wissen alle immer nach wenigen Minuten, was zu tun ist und arbeiten als Team wunderbar synchron zusammen. Alles realitätsferne Filmlüge. Kommt nach Drasnien und erfahrt, wie das wirklich ist. Gemeinsamen Aktionen dauern einfach Stunden. Mindestens. Bis sie dann doch irgendwann los gehen.

Und damit Drasnien Drasnien sein kann, braucht das nicht nur Drasnier und Heerscharen wilder Prügeldämonen, die spätnachts die Drasnienreisenden mit überlangen Polsterbrotmessern verdreschen, sondern es braucht noch etwas. Nämlich Kulisse und Requisiten. Taverne, Obelisken, Gärten, Teiche und vieles mehr. Und dann komme ich ins Spiel.

Weil ich nämlich den lobens- und knuddelnswerten Drasnienerschaffern und -Aufdiebeinestellern einen Encounter versprochen habe. Ein Encounter ist eine Station, wo die Spieler was Besonderes erleben können. Und wer mich kennt ahnt es schon, es geht nach oben.

Samstagsmorgen um sieben los mit einer hilfsbereit-engagierten Jana an der Seite in den Wald. Hoch auf den Baum, mit Seilen und Bandschlingen, ganzganzvielen Karabinern und noch mehr Prusikschlingen. Mit der besonderen Kilogewicht-Wurftechnik werden die Seile von Baum zu Baum verlegt und Prusik sei Dank keuche ich die Seile hoch und runter. Fünf Stunden und einen unsäglichen Bizepskrampf später steht dann eine kleine mobile Kletteranlage mit vielen lustigen Seilen, Stickleitern, Steigbügeln und noch mehr Zweigen und Ästen dazwischen. Dafür waren 24 Karabiner, 40 m Bandschlingen, 300 m Seil und Janas Hilfe nötig.

Glücklich liegen wir im Gras und warten, daß was passiert. Natürlich haben wir dem menschlichen Drehbuch bescheid gesagt und natürlich passiert erst mal nichts, weil es ja keiner kennt. Nach ein paar Stündchen angestrengten Imgrasrumliegens kommen sie dann doch. Sven, der eigentlich Bran und in diesem Fall Orlitt heißt, schwingt sich als erster hoch und zeigt die gewohnten eleganten Bewegungsabläufe eines Mobiles zwischen den Bäumen. Als er voller Erschöpfungsverzweiflung abspringt, wird er von seinen Kumpanen elegant mit einem Sprungtuch aufgefangen. Und natürlich von den drei Sicherungsseilen, mit denen ich jede Pendelmöglichkeit verunmöglicht habe.

Im zweiten Versuch schafft es dann einer. Cedric. Der ist echt gut und hat im diesweltlichen Vorleben bestimmt schon oft so was gemacht. Zum Lohn bekommt er ein drasnisches Artefakt. Ist irgendwie so eine besondere Eigenschaft von Phantasiewelten, daß es in ihnen überall wichtige Artefakte gibt, mit denen man die Welt retten kann.

Weil so Spaß macht, ist die Anlage dann bis zum Sonnenuntergang in Benutzung und am nächsten Morgen bauen wir sie auch in dreieinhalb Stunden wieder ab. Leider hab ich bis dahin kaum mitbekommen, was sonst so alles in Drasnien passiert ist. Alle, die ich treffe, sind mit Erlebnis bis zum Rand befüllt und verteilen in glücksbeseelten Worten das Erlebnis, das dann doch übergelaufen ist.

Zwei Sachen hab ich doch erlebt. Den Geschichtenerzähler, der abends am Lagerfeuer Stunden über Äpfel und Apfelkuchen erzählt und zwar so gekonnt, dass alle muckmäuschenmundhaltend zuhören und die Ohren so spitz sind, dass selbst eine Blattlaus zur Seite runter fallen würde. Und den Mond, der im leichten Nebelschimmer nachts auf Caspar-David-Friedrich-Weise zwischen den Zweigen der Bäume schwebt. Naja, fast. Nur schöner.

Ich bin glücklich, sie alle wieder zu sehen und sie alle zu knuddeln. Weil das ist der Hauptgrund, da hin zu fahren. Und weil sie es wert sind. Genau. Und während ich zu Hause die Kisten und die Gedanken zurücksortiere, läßt mich eine Frage nicht mehr los: Wie schaffe ich es, ein eisternes 1kg-Gewicht mit einem Kletterseil dran zielsicher durch eine fünfzehn Meter hohe Astgabel zu schießen?

Schöne Grüße,
Euer Jörg.

P.S.: Ein großes Dankeschön an die Lübecker Sektion des Deutschen Alpenvereins, die mich mit Leihmaterial unterstützt hat.
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