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Ith-Reisebericht

Ein Ith-Wochenende

Zwischen den windigen Regenschauern zieht bereits kalte Dämmerung auf. Gerade ist unser großes, weißes Zelt aufgestellt. Auf einem netten, unscheinbaren, kleinen Zeltplatz. Irgendwo in den waldigen Hügeln im niedersächsischen Nirgendwo zwischen Hildesheim und Hameln. Keiner mag so recht glauben, daß es hier noch etwas anderes gibt, außer matschigen Wiesen und nassen Bäumen. Und weil es keiner so recht glauben mag, sage ich: Wir gehen mal rüber, aber bitte sofort, weil es schon dunkel wird.

Nach einer unsäglichen Matsch-Glitsch-Platsch-Partie sehen wir sie dann in der Dunkelheit. Wild, rauh, gewaltig ragen ihre Silhouetten aus dem Boden durch den finsteren Wald und das Blätterdach in den Himmel. Derek ist auf und davon und drückt sich glücklich an die schroffen Kalkfelsen. Auch wir anderen freuen uns. Wenn auch nur auf die gewöhnlich-überschwengliche Weise.

Früher als erwartet beginnt der nächste Morgen. Derek macht schon um viertel vor fünf einen Radau, als ob er in fünf Minuten los will. Dabei prasselt der Regen aufs Zeltdach und lädt zum friedlichen Rumdrehen ein. Um neun hört der Regen dann auf. Aber finster und naß ist es trotzdem. Und da denke ich mir, warum nicht gleich dort hin gehen, wo es immer finster und naß ist. Da fällt das Wetter gar nicht auf.

Gesagt, getan. Eine halbe Stunde später stehen wir mit unseren Regencapes und zwei Stirnlampen bewaffnet an der vergitterten Pforte der Rotsteinhöhle. Drücken uns durch die engen Gänge, tasten uns an den feuchten Wänden entlang und sehen, wie unser Atem in der hundertprozentigen Luftfeuchtigkeit kondensiert. Von der Decke funkelt ein Meer von Sternen, die von Geisterspinnen zu Fäden aufgereiht scheinen. Wenn man aber nach oben schaut, sieht man, daß es kleine Wasser- oder Tautropfen sind, die an der zottigen Höhlenwand hängen. Und während unser Blick weiter wandert durch das glibschig- schleimhautartige Innere des Höhlentraktes, glauben wir mehr und mehr, von einem großen Kalk-Alien verschlungen zu sein.

Auf dem Rückweg treffen wir zufälligerweise genau unsere drei samstäglichen Lübecker Nachzügler Gabi, Joachim und Kim. Und es trifft sich gut, daß die Straße inzwischen wieder trocken ist. Denn wenn es die Straße schafft, trocken zu sein, schaffen das die Felsen schon lange.

Als wir ankommen sind natürlich meine Routen erster Wahl schon wieder besetzt. Weshalb wir uns zur Wilhelm-Raabe Klippe verziehen. Auf der es aber auch einige ausgesprochen schöne Routen gibt. Und genug III-er Geländer zum Vorstieg üben für Joachim und Kim. Was auch durchaus angebracht ist. Bei den Routen zwischen Grad III und Grad IV- ist für jeden etwas dabei. Besonders die Kante oben ist ein Genuß. Außer für Derek, der zischt unsere Routen hoch wie ein Kapuzineräffchen und ist wohl etwas unterfordert. Deshalb ziehen wir um zum Teufelstrichter, da gibt es wenigstens ein VI+ Dach. Und einen ersten unerwarteten Regenguß. Nach dem rollt schon der zweite heran und ich spurte von der Tarantel gestochen den "Pieksriß" hoch, um das Material abzubauen. Leider bin ich trotzdem zu langsam. Beim Abseilen erwischt mich das Unwetter voll und unten bin nicht nur ich klatschnaß. Auch die anderen haben ordentlich was abbekommen. Selbst meine Klopapierrolle im Rucksack, von dem ich bis jetzt dachte, er wäre dicht.

Aus die Maus für heut. Und während wir „ältere“ uns nach dem Abendessen fürsorglich um das nasse Material und das Bierfäßchen kümmern, Verschwindet Derek mit Hanna noch zum Biwakdach.

Am nächsten Morgen ist die Welt perfekt. Wolkenloser Himmel. Da braucht es keine weitere Motivation. Für den Anfang lädt das kürzlich mit zahlreichen neuen Routen ausgestattete Mauerhaken-Massiv die Vorsteiger ein. Und ich muß mich mal richtig austoben und Frauke die Mauerhakenturm-Diagonale durch die Südwestwand zeigen. Das ist die mit dem kleinen, ungebohrten Guten-Morgen-Dach im Einstieg. Wach sind wir darüber auch definitiv. Und das ist gut so. Denn das Wach braucht man weiter oben noch reichlich. „Chaka!“ tönt Fraukes Siegesschrei durch die Baumwipfel. Er bleibt nicht allein und ich staune auch über die Leistungen von Gabi und Kim.

Nachher treffen wir uns alle am Zwilling. Ich bin beeidruckt, welche Routen Joachim sich dort mit seinen paar Klemmkeilen hochgekämpft hat. Hänge ein zweites Seil dazu und wenig später sitzen wir alle oben auf dem Plateau. Halten unsere Nasenspitze in die Sonne, genießen den Weitblick über die Baumwipfel, die Dörfer und die reifen Felder. Stoßen mit einem leckeren Weizenbier an. Alkfrei natürlich – striktes Muß beim Klettern. Und bewundern Gabis Gummibärchendressur.

Alle sind glücklich, keiner will heim. Müssen wir aber doch. Beim Abseilen wird es für Hanna und Jörn noch mal richtig spannend. Und beim Sortieren des Materials. Wir haben tatsächlich fast alles mehrfach verbaut, was mir die Lübecker Alpenvereinssektion dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat. Nur ein Helm fehlt. Den hat Derek verbaselt. Zur Strafe und zur Sühne jage ich ihn wieder in den Wald, damit er den Kletterer findet, der den Helm gefunden hat. Tatsächlich aber kommt der Helm zuerst aus dem Wald. Mit ein paar netten Braunschweigern, den ich an dieser Stelle gerne ein Hallo und ein Dankeschön rüberwinken möchte. Nach einem Weilchen gehe ich dann selbst in den Wald, um das einzige zu suchen, was jetzt noch fehlt: Hanna und Derek. Aber die finden sich zum Glück recht schnell.

So schnell ist ein schönes Wochenende wieder vorbei. Am Parkplatz schaue ich in sieben glückerfüllte Gesichter und während der Heimfahrt, darf ich noch lange den Lobeshymnen lauschen „Jörg, you know, I really fell in love with this place. Jörg, I have to return soon. I just have to…“

Ich wünsch Euch Sonne auf der Nase, ein glückliches Grinsen zwischen den Ohren und griffigen Fels in der Hand,

Euer Jörg.



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