"Du kannst alles immer nur jetzt machen." Jörgs Homepage
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Rosengarten2008-Reisebericht

Mit dem Rosengarten fängt alles an….

„Magst Du mit in die Dolomiten?“ - „Klar“, sagt Jörg. Und denkt an Genussklettern in mediterraner Sonne mit Dolce Vita in Bella Italia. Denkt er.

Kalt ist es, als wir ankommen. Kalt, bedeckt und leichtes Schneetreiben. Zum Glück ist es nicht wirklich weit, hoch zu steigen zur Gartlhütte im Rosengarten. Schöner Name für ein Bergmassiv mit schönen Legenden um König Laurin und seine Zwerge. Und dort auf der Hütte wissen wir die kaum merkbare Wärme der Stube dankbar zu schätzen.

Durch eisblumenbemalte Fensterscheiben bewundern wir morgens die drei majestätischen Vajolett-Türme. Wie gut, dass wir Handschuhe und Sturmhauben mit haben. Vor Kälte traut sich keiner, am Fels die Bergschuhe gegen die Kletterschuhe zu tauschen. Viel zu kalt, wie gesagt. Zum Glück kommt die Sonne raus und wir haben wenigstens gelegentlich mal genug Gefühl in den Fingern, um die besondere Schönheit der DelagoWestkante (IV+) zu „begreifen“.

Nach der zweiten Seillänge fragt Jörg „Sind wir schon oben?“ Echt süß. Natürlich sind wir noch lange nicht. Und natürlich ist die Frage voll und ganz nachvollziehbar. Ist ja auch seine erste alpine Tour und genau deswegen haben wir die Vajolett-Türme ausgesucht. Weil sie so kurz sind, dass sie einen schönen Einstieg ins Alpinklettern bieten.

Dann der Moment des Tages. Da, wo die Route nach links in die Nordostwand zieht. Da, wo sie nicht nur den Anfängern den Atem nimmt. Auf einem paar Zentimeter großen Absatz stehen wir über einem dunklen und alles verschlingenden Abgrund. Vielleicht zweihundert Meter geht es leicht überhängend hinab in die Tiefe. Während um die Kante uns ein eisiger Bergwind mit vielleicht sieben oder acht Windstärken begrüßt. An einer Hand festhalten, die andere in der Sturmhaube eine halbe Minute vorwärmen. Dann drei Sekunden zum Platzieren der Finger. Eins, zwei, drei und Gefühl weg. Sorry, mit Handschuhen geht das nicht. Dafür sind die Griffe zu klein.

Zurück in der Südwand brät die Sonne rein und als ich mir mit zunehmender Wärme die Sturmhaube ausziehe, fliegt mir der Sonnenschutz meiner zweiteiligen, optischen Brille unwiederbringlich hinfort ins Reich der Tiefe. Schad drum. Als Entschädigung gibt’s von oben einen Blick auf den täglichen Hubschrauber.

In der letzten Seillänge erwarten uns Fenster im Fels mit grandiosen Durchblicken. Und Schnee. Am letzten Stand gibt’s ein glückbeseeltes Gipfelphoto, einen Schluck und einen Haps. Jörg ist glücklich. So glücklich, dass er fast vergisst, wo er ist. Und dann fällt er runter. Nein, nicht Jörg, sondern sein Helm. Einfach so. Kuller, polter und weg ist er.

Wir kullern und poltern nicht, sondern seilen mit für Jörg atemberaubenden 60er Doppelseillängen runter. Finden den Helm hundert Höhenmeter tiefer in einer Spalte. Sieht ordentlich verschrammhobelt aus und hat ein paar kleinere Risse und Brüche. Mal gut, dass Jörgs Kopf bei dem Sturz nicht drin gesteckt hat. Was solls? Apfelstrudel und Radler auf der Garlthütte und gut.

Am nächsten Morgen ruft mit angenehmer Wärme der Winklerturm. Wir wollen die IV-er Winklerverschneidung machen. Die Zeichnung im Topo ist eindeutig und wir sind uns sicher, dass sie das ist. Und so kämpfen wir uns davon nichtsahnend stattdessen die Via dei Diedri hoch. Schöne Kletterei in unangenehm splittrigem Fels mit vielen fraglichen Sicherungsmöglichkeiten und steilstufenüberhangweise Tendenzen in den Totenkopf-VI-er Bereich. Geht ob unserer Orientierungszweifel langsam aber hoch. 45 m unterm Gipfel zieht die Route, von der wir ja noch gar nicht wissen, dass wir drin stecken, nach links rüber. Und ich steige rechts weiter vor Richtung Dachverschneidung. Als die Quote fester Griffe, Sicherungsrisse und Tritte auf ca. 20-30 Prozent fällt, treffe ich knapp unterm Gipfel die überfällige Entscheidung: Abbruch und einfach nur runter hier! An bezweiflungswürdig rostgebräunten und unter Last wackelnden Schlaghaken zischen wir zwei mal 60 Meter in die Tiefe, bis wir auf dem Sockel stehen und Jörg gelernt hat, dass man nicht einfach an einem Seil ziehen darf, dass zwischen losen Blöcken über dem eigenen Kopf liegt. Wie gut, dass wir den Helm wieder gefunden haben. Apfelstrudel, Radler und alles gut. Wie gesagt.

Vorbei an den Gämsen wandern wir rüber zur Grasleitenpass-Hütte. Die ist echt schön. Klitzeklein, neu, nett, urig und vor allem warm. Am Kesselkogel rufen uns die Südkamine. Weil einfach, kurz und wegen Südostausrichtung schon morgens warm. Denken wir uns so.

Nach der ersten Seillänge geht die Route immer tiefer in einen Kaminriss hinein und verschwindet in einer Eisgrotte. Jedes mal, bevor ich einen Zug machen kann, muss ich schweren Herzens ein paar Eiszapfen weg brechen, damit ich durch passe. Armdicke Eissäulen. Und bei jedem Tritt aufpassen, dass man den Fuß auf eine der wenigen geeigneten eisfreien Flächen setzt. Eng ist das. Ausatmen und hoch. Oben stellen wir fest, dass der Dülferkamin noch enger und für unsere Rucksäcke einfach ungeeignet ist. Daher weichen wir leicht rechts durch brüchiges Gelände aus, bis wir auf dem Südgrat stehen. Jörg ist glücklich, es „geschafft“ zu haben. Und etwa sechs volle 60m-Seillängen und fast vier atemberaubende Stunden später stehen wir dann glücklich auf dem Gipfel. Schön. Jörg wird nie wieder das Wort „Gratwanderung“ aussprechen können, ohne den Gedanken an diesen Tag und den zerklüfteten und brüchigen Kesselkogel-Südgrat.

Gut, dass es über den Klettersteig so schnell runter geht. Für Apfelstrudel ist es bei Sonnenuntergang schon zu spät. Glücklich sind wir auch so. Und zwar richtig.




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