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TotesGebirge2008-Reisebericht

In drei Tagen durchs Tote Gebirge.

„Wo um alles in der Welt ist denn das Tote Gebirge?“, „Wieso ist das denn tot?“ und „warum um alles in der Welt wollt ihr denn dort hin?“. Fragen, die ich in den letzten Wochen ziemlich oft gehört hab. Und wo wir sowieso schon vor hatten, dort hin zu fahren, konnten wir uns auch gleich für Euch nach den Antworten umschauen.

Kommen wir zu ersten Frage, nämlich der nach dem Wo. Mit dem Flieger nach Salzburg, von dort aus per Zug eine Stunde nach Osten, noch eine nach Süden nach Ebensee und die letzten Kilometer mit dem Taxi zum Anfang der Route, da, wo die Straße endet. Dachten wir uns so. Kommt dann aber anders. Nämlich wir nach Ebensee, dort jede Menge Wasser von oben und dafür weit und breit kein Taxi. Und damit beginnt die Geschichte....

Zum Glück haben wir ja Füße an den Beinen. Dann eben laufen statt Taxi. Der Naturfreund, der uns ein paar Meter mitnimmt, sei darob für alle Zeiten gepriesen. Und schon geht es durch die meteorologisch-montane Sprinkleranlage und die Bergvernebelung hoch ins urige Hochkogelhaus mit klitzekleiner Gaststube, die sich um den wunderbar riesigen Ofen quetscht. Da trockne ich in Unterhose zu Stephans Lästerkommentaren meine pitschpatschdurchweichten Sachen, während wir die eingebrockte Suppe heiß auslöffeln.

Gehen wir noch auf den Schönberg? Na klar. Reiner Irrsinn. Stephan und Jörg eben. Auf dem Gipfel finden wir die Antwort auf die zweite Frage: „Warum ist das Gebirge tot?“. Wenn es nicht tot wäre, hätten sie dort wohl nicht auf jeden Erdhaufen ein Kreuz gestellt. Da wo man das macht, ist Friedhof. Und wo Friedhof ist, ist das unter den Kreuzen tot. Hier ist es das Gebirge. Ist so.

Der Gipfel sieht aus wie ein Vulkan. Mit schneegefülltem Krater. Die Krater sind genau genommen Dolinen und das sind wiederum eingebrochene Höhlen. Trichter, in denen jeder unvorsichtige Wassertropfen verschwindet, wie in einem Kaffeefilter. Manchmal auch ein unvorsichtiger Wanderer. Schwupps und weg ist er.

Das nennt man dann Karst. Felsspalten, Felsspalten und Felsrisse. Wie in einem Eisbruch. Mit Felsbrücken, Abbrüchen, tiefen Schlünden. Einfach Wahnsinn. Einfach whow. Und langsam fange ich an, die Landschaft zu verstehen. Dieses Gebirge besteht gar nicht aus Bergen und Tälern. Nein. Das besteht aus Bergen und Kratern. Und dazwischen tausende Spalten. In den Kratern sind meist Firnfelder. Die mag der Stephan wie die Katze die Badewanne. Und ich finde die Firnabfahrten klasse.

Und Steine hat es. Ganz viele Kalksteine. Die müssen wir abwechselnd rauf und runter. Steine, Risse und Latschenkiefern. Ganz viel Latschen, ganz viele Kilometer latschen, immer weiter latschen. Ich kann nicht mehr. Stephan auch nicht. Sagt er. Dabei rennt er immer vorne weg. Ist halt ein Tier, der Mann. Wie bei Ovid.

Dann die Oase. Stiller Bergsee. Glasklar mit kleinen Fischerln und Kaulquappen. Am Rand steht ein Schlauch in die Höhe und sprudelt Wasser. Kristallenes Glück nach dem langen Durst durch die trockene Kalkkraterwüste. Dahinter der Zauberwald mit kurzen Bächen, die immer nach ein paar Metern in einem Trichter verschwinden.

Endlich Appelhaus. Nach zwölf Stunden Weg über zweitausend Höhenmeter. Urige Holzstube mit Pianist, zum Abendessen live Chopin Konzertwalzer. Hirnentrücktes Paradies mit Weißbier. Wunderbar.

Am nächsten Morgen dann grüne Aussicht bei Sonnenschein. Über Heidialmen mit Braunweißen, die uns die Ohren zudrehen, während die Summsumms zwischen den kleinen Bergwiesenblüten fliegen. Enzian und Orchideen. Am Wildgössl-Kreuz gibt es den Reiseführerblick auf den Dachstein. Und hinter dem nächsten Zauberwald die Pühringer Hütte. Vor der ist ein See. Was interessieren mich Leute? Kleider runter und rein. Und wusch wieder raus. Ist das kalt! Aber eine Wohltat. Währenddessen phantasiert Stephan von Erstbesteigungen in den Wänden gleich hinter der Hütte.

Hinter dem Rotgschirr erwartet uns das Bergparadies. Bei filmreifem Himmelblauweiß. Unsäglich schön, unsäglich friedlich, leer und fremdartig. Gebirge pur. Nur Fels, Firn und Stille.

Einmal breche ich im Karstkrater mit einem Fuß durch ein Firnfeld. Upps.

Abend wird’s. Der Abstieg zur Welser Hütte ist einarmig eine richtige Herausforderung. Als wir ankommen sind wir ganze zehn Stunden auf den Beinen. Nichts ist hier urig. Irgendwie wirkt sie lieblos, kalt und unfreundlich, die Welser Hütte. Nachts rüttelt der Sturm an den Wänden und wir sind froh, daß sie am nächsten Morgen noch steht.

Der Priel begrüßt uns mit einem Durch-und-durch-Schauer. Alles durch, alles naß. Inferno-grau steht der Cumulonimbus am Himmel und weiße Nebel wehen von den Graten. Unbeschreibliches. Durch den nächsten Regen hinten wieder runter und zum Prielschutzhaus. Das ist auch recht groß. Macht aber nichts, weil es nett ist. Bei der weißichnichtwievielten Runde Zirben erfahren wir dann, daß unsere Tour normalerweise zweidrei Tage länger dauert. Und echt etwas Außergewöhnliches ist. Genau wie der Zirben.

Wohin verschwindet eigentlich das ganze Regenwasser? Beim Abstieg sehen wir es. Es schießt einfach irgendwo aus der Wand und als Wasserfall zu Tal. Mit Brausen und Tösen. Beeindruckend. Am Ende haben uns Franz und Helga in Hinterstoder aufgelesen. Danke. Für uns ging es damit wieder heim.

Und warum um alles in der Welt wollten wir dort hin? Na klar, um das alles zu sehen. Um diese wunderbar wohltuende Erschöpfung zu erleben. Und weil es eines der wenigen Gebiete ist, in denen die Berggeister sich noch wohl fühlen können.

Euer Jörg.


P.S.: Dankeschön an all die lieben Menschen, die uns mit Hilfe, guten Tips, und viel Geduld zur Seite gestanden haben.

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