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WilderKaiser2007-Reisebericht

Wilder Kaiser 2007

Ein anderer Fall von Work-Life-Balance. Nach dem Münchner Meeting bringt mich ein netter Verkäufer zu Sixt, bei denen gibt’s ein superbilliges Wägelchen und mit dem hol ich dann Stephan vom Münchner Flughafen ab. Oder ist der schon in Nürnberg? Jedenfalls stehen wir wenig später in tiefstem Nachtschwarz bei strömendem Regen in einem kleinen Tiroler Nest vor einer vorgebuchten Pension, klingeln und nichts passiert. Klingeln. Klingeln. Klingeln noch mal und nichts passiert. Tragbare Telefone sind was tolles. Kann man mit beim Fremdenverkehrsbüro anrufen. Die arbeiten sogar noch mitten in der Nacht. Rufen den Sohn der Gastwirte an. Und der lässt uns ne Viertelstunde später rein. Fein.

Der nächste Morgen sieht nur wenig besser aus. Es regnet wie am Vorabend, aber wenigstens ist es hell geworden. Und überall da, wo der Wald plötzlich im Nebel verschwindet, kann man einen Berg vermuten. Eigentlich ein schönes Wetter. Mit dieser ganz besonderen Stille. Aber eben nicht das, was sich Bergsteiger wünschen.

Beim Aufstieg aufs „Strips“, das Stripsenjochhaus, inspizieren Stefan und ich schon mal die Wildangerwand. Sieht hübsch aus. Und feucht. Deshalb klettern wir den nassen Trampelpfad mit Herzklopfen runter und gönnen uns im Strips Erbsensuppe mit Germknödel. Die Germknödel für Stefan und die Erbsensuppe für mich.

Nach tausend gltischfeuchten Bohlenstufen abwärts sind wir dann im Hans-Berger Haus. Das ist richtig schön. Nett, urig und lecker. Do gfoits ma, do wü i hin. Und natürlich gibt’s dazu auch gleich hilfreiche Tipps. „Morgen wird’s naß, da könnt ihr ausschlafen. Frühstück machen wir an so einem Tag eh nicht vor acht.“

Denkt ihr Euch so. Um sechs ein Blick zum Fenster raus. Trocken, klare Sicht. Gigantisch erhebt sich die Nordwand der Kleinen Halt über das Tal und weist himmelwärts. Ein Kilometer purer Kalk. Na wenn das nicht eine hohe Dosis Glück ist.

Um die drücken wir uns ein Stück weit doch drum herum. Steigen erst mal eine Stunde auf, bis wir an die Südwestwand kommen. Die ist dann nicht mehr ganz so hoch. Nur noch einen halben Kilometer. Dort gibt es eine schöne Plaisierroute, „Klettergeheimnis“. Ist aber im Führer abgedruckt, also so geheim nun auch nicht wieder. Aber schön eingebohrt. Auf den unteren zwölf Längen fast Plaisier. Nur pitschpatschnaß. Stört uns aber nicht. Wir wollen da hoch und es regnet nicht. Das muß reichen. Und da, wo der Kalk nicht braun ist, ist er auch nicht glitschig.

Oben müssen wir dann schon öfters mal zu den Friends greifen. Das sind ziemlich teure Klemmgeräte mit Exzenternocken. Die kann man in Felsritzen reinstopfen und hoffen, dass sie einen halten, wenn man versehentlich in die Sicherung hinein plumpst. Machen wir aber nicht. Obwohl die Tour recht einfach und anfängertauglich ist, ist Stephan nach der neunzehnten Seillänge ziemlich geschafft. Und ich nach dem restlichen Gipfelanstieg. Das Gipfelkreuz ist ziemlich rostig und verkommen. Aber das schmälert den Triumph ja nicht. Und die Ration für die unvermeidlichen Bergdohlen auch nicht. Sollte man besser Gipfeldohlen nennen. Die wissen genau, wo die lecker Müsliriegel ausgepackt werden.

Der Heimweg ist auch nicht von schlechten Eltern. Heißt Kaiserschützensteig. Und beim freien Runterklettern fragen wir uns, warum wir denn hoch zu eigentlich ein Seil benutzt haben. Der Rest des Abstiegs ist einfach und geht schnell und zügig. Und veranlasst Stephan zu dem denkwürdigen Satz „jetzt weiß ich mal, wie das meiner Frau immer mit mir geht.“ Tja, wofür so ein Berg alles gut ist…

Unten gibt’s dann noch einen weiteren geschichtsträchtigen Satz von ihm. „Danke für diesen Muskelkater!“ Da freu ich mich. Ein „Prost“, ein gutes Essen und nachts Hüttenlager-Romantik. Hier lernen wir die "Westerwälder" Variante des Schnarchens kennen. Klingt wie ein langgezogener inspiratorischer Hilfeschrei. Ein Atemzug und alle sind wach. Ich habs ausprobiert. Ich bekomm das nicht mal wach hin. Keine Ahnung, wie das geht.

Beim Samstagssauwetter geht’s die tausend Stufen wieder hoch zum Strips. Durch den triefnassen Schweigewald der Berggeister. Und weil wir ja nicht die ganze Zeit sinnlos rum sitzen können, nehmen wir uns noch im Wildanger eine leichtere Route vor. Bei Niesel, naß und bä. Bis uns ein heftiger Schauer auf die Hütte treibt. Wo wir bei einem Bierchen glücklich unsere eigene Vernunftlosigkeit belachen.

Sonntag ist dann alles, wie es sein soll. Das Licht ist oben, das rauschende Wasser unten und die glücklichen Kletterer dazwischen. „Plaisier“ heißt die Route. Und der Name ist wirklich Programm. Ein Bohrhaken reiht sich an den anderen und der Kalk zeigt uns, wie vielfältig er sein kann. Grifffreie Zitterplatten, Untergriffschuppen, glatte Wasserrillen, hartschwammige Riffelplatten, Überhänge, Piazschuppen, Risse, Himmel und das Gefühl, dem Irdischen enthoben zu sein.

Glücklich und durchgeschwitzt lachen wir uns ein Berg Heil ins Gesicht, sausen am Doppelseil zu Tal, verkleiden uns wieder als Alltagsstadtmenschen, geben den Wagen zurück. Und so endet eine schöne Reise am Flughafen bei einem Weißbier und dem glücklichen Schwelgen im Erlebten.

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